geschichte

Arbeitersportvereine und bürgerliche Turn- und Sportvereine

In den Jahren von 1918 bis 1920 belebte sich die Arbeit in den Sportvereinen wieder, es wurden Jahresversammlungen abgehalten, Vorstände gewählt und erste Wettkämpfe durchgeführt. Die große Erleichterung über den Frieden war überall zu spüren, ging aber auch mit einer deutlichen Verschlechterung der sozialen Lebensverhältnisse einher. Das führte zu einer politischen Polarisierung im Vereinswesen, so auch bei den Sportvereinen. Das „bürgerliche“ Lager wurde durch die traditionellen Turn- und Sportvereine gebildet. Die nach 1893 gegründeten Arbeitersportvereine schlossen sich zu eigenen Sport- und Wettkampfstrukturen zusammen (1920 in Weißenborn, 1922 in Bürgel). Mit der Bildung des Landes Thüringen setzte nach 1921 eine breite Entwicklung in der Sportlandschaft ein. Zum einen wurde der Sportunterricht in den Schulen qualitativ und quantitativ stark ausgebaut und vielfältige Wettbewerbe für die Kinder eingeführt. Zum anderen erhielten die Sportvereine einen großen Zulauf, es gab breitere Angebote auch für die Kinder und die Frauen.

Damenriegen Weissenborn 1920er Startkarte Paul Keck 1931 Bezirksturnfest Kahla 1926

In zahlreichen Sportarten entstanden Wettkämpfe zur Ermittlung der Meister oder auch traditionelle Sporthöhepunkte. Die typische Entwicklung dieser Zeit ist gekennzeichnet durch das Bemühen um neue Sportanlagen und ein breites sportlich orientiertes Wettkampfprogramm. Dabei haben die Vereine in Eigeninitiative sehr viel auf die beine gestellt. So wird in der Sportchronik von Rothenstein aufgezeigt, dass neue Sportanlagen für die breite Entwicklung notwendig waren. Aus dem Saalturnen und GaststättenKegeln wurden in der Nähe des Festplatzes auf dem Trompeterfelsen zuerst ein Turnplatz und später ein Handballplatz in ungewöhnlicher Lage geschaffen. In Bürgel wurde 1919 am Ortsausgang in Richtung Hohendorf der Turnerplatz eingeweiht, welcher bis in die 50-ziger Jahre als Vereins- und Schulsportplatz genutzt wurde. Durch die Entwicklung der Sportarten, hier besonders des Fußballs und der Leichtathletik, war 1924 Baubeginn des neuen Sportplatzes am Bahndamm, der dann 1926 fertiggestellt wurde.

Noch spektakulärer verlief der Sportstättenbau im Schortental bei Eisenberg. 1919 begann das Anlegen der beiden Sportplätze im Schortental durch die Mitglieder der Arbeiter-Turnerschaft, der Fußballabteilung „Vorwärts“, vielen Jugendlichen, Fußballinteressierten und Gewerkschaftern. Durch freiwillige Arbeit mit eigenen Arbeitsgeräten, ohne Förderung durch die Stadt oder das Land wurde der Wald gerodet und zwei Sportanlagen geschaffen. Die Chronik belegt aber auch, dass im Eifer dieses Vorhabens viele Fehler begangen wurden. In den Tageszeitungen „Jenaer Volk“ und im „Eisenberger Nachrichtenblatt“ wurde die Errichtung der Sportplätze im Schortental erst bekannt gegeben, als der Fußballplatz fertig war und zu Pfingsten 1922 die ersten Fu0ballspiele ausgetragen wurden. Aber in Eisenberg und in den Fabriken war der Bau im Schortental Stadtgespräch. Vom 3.-5. Juni 1922 erfolgte die Platzweihe im Schortental. Im Jahre 1928 fand auf dieser Anlage eine internationale Begegnung gegen eine Mannschaft aus Brüssel statt. In zahlreichen Sportarten kam es zu einem planmäßigen Wettkampfbetrieb, wobei in unserer Region das Turnen, der Fußball, dann auch der Handball und die Leichtathletik tonangebend waren. Weitere Sportarten erreichten eine große Verbreitung in unseren Städten und Dörfern, wozu wir den Radsport, den Kraft- und Kampfsport, das Kegeln und den Schießsport zählen können.

Neben den örtlichen Wettkämpfen und Vergleichen zu Vereinsfesten hatten nationale und internationale Kontakte im Sport eine positive Ausstrahlung auf den Vereinssport in unserer Region. 1922 fand in Leipzig das 1. Arbeiter-Turn-und Sportfest statt. Aus Bürgel nahmen 40 Sportlern daran teil. 1925 wurde die 1. Arbeitersport Olympiade in Frankfurt/Main ausgetragen, woran 23 Sportler aus Bürgel teilnahmen. Der Eisenberger Paul Keck nahm an vielen solchen Veranstaltungen erfolgreich teil. Auch die Gaumeisterschaften und Gauturnfahrten, welche sehr zahlreich bis 1933 in unseren Orten stattfanden, haben als Sportveranstaltungen und Feste eine nachhaltige Wirkung erreicht.

Eine typische Sportvereinssituation der Weimarer Zeit zwischen 1920 und 1933 lässt sich am Beispiel von Hermsdorf und Klosterlausnitz darstellen. Aus der Flut der vielen Vereinsgründungen um 1900 wirkten im genannten Zeitraum drei Vereine:

  1. Der 1. Sportclub Hermsdorf-Klosterlausnitz e.V. (1917-1940)
  2. Der Turnerbund Hermsdorf e.V. (1929-1940)
  3. Die Freie Turnerschaft Hermsdorf e.V. (1904-1933)

Der 1. Sportclub war Mitglied des Verbandes Mitteldeutscher Ballspielvereine und hatte seinen Sitz in Hermsdorf. Mit viel Engagement wurde bis 1921 der Spiel- und Sportplatz „An der Köppe“ gebaut. Für das Hermsdorfer Sportgeschehen war nun die Grundlage für den Wettkampfbetrieb geschaffen und ab 1921 fanden die Kreis-Turn- und Sportfeste und Meisterschaftsspiele statt. Der Verein beteiligte sich in den Sportarten Handball, Fußball und Faustball. Der Sportverein wurde nach 1933 nach dem Führerprinzip gleichgeschaltet und in den Deutschen Fußballbund des Reichsführerringes integriert.

Der Turnerbund Hermsdorf wurde 1929 in das Vereinsregister eingetragen und war Mitglied des Deutschen reichsbundes für Leibesübungen. Dieser Verein hatte seinen Sitz am Schützenhaus in Hermsdorf. Dort befanden sich damals das Vereinslokal und der Sportplatz. Außerdem gab es in Hermsdorf auf dem Rathausplatz noch einen weiteren Sportplatz, auf dem die Großfeldspiele stattfanden. Im Turnerbund gab es verschiedene Abteilungen. An erster Stelle stand das Turnen. Weiterhin wurde im Verein Handball, Fußball und Faustball gespielt, in denen je zwei Männermannschaften, eine Jugendmannschaft und eine Knabenmannschaft vertreten waren. Später wurde auch noch Schwimmen und Wandern angeboten. Auch der Turnerbund Hermsdorf wurde 1933 nach dem Führerprinzip gleichgeschaltet und wurden Mitglied im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NRBL).

Die Freie Turnerschaft zu Hermsdorf wurde 1904 gegründet und hatte als Satzungszweck die Hebung und Förderung der Volkskraft und Volksgesundheit durch Pflege der Lebesübungen auf volkstümlichen Grundlagen als Mittel zur körperlichen und geistigen Bildung seiner Mitglieder zum Ziel. Der Sitz des Vereins war in Hermsdorf. bei den inhaltlichen Angeboten standen das Turnen, Sport-, Spiel-, Schwimm- und Wintersportübungen im Zentrum des Vereinsangebotes. Der Verein war laut Satzung Mitglied im Arbeiter-Turn- und Sportbund Deutschlands. Der Verein wurde 1933 durch die nationalsozialisten aufgelöst und das Vereinseigentum konfisziert. Ein Teil der Sportvereine setzte unter diesen Bedingungen seine sportliche Tätigkeit fort, was besonders auf die Ballsportarten Fußball und Handball zutraf. Gleiches galt für das Turnen und eine verstärkte wehrsportliche Orientierung kam hinzu. Andere versteckten die Unterlagen ihrer Vereinstätigkeit bzw. die Vereinsfahnen, die wie zum Beispiel in Schkölen erst später wieder zum Vorschein kamen. Bei einem größeren Teil der Vereine änderten sich deutlich der Vereinprofil und das Engagement der 1920er Jahre.